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“Treue Nachfolge” und “Kritik an der Kirche“ – ein Widerspruch?

Ein Beitrag unseres Autors Thomas Schmidt aus Freising


Wem ist es nicht schon so ergangen: Man hat gewisse Erlebnisse im Glaubensleben und auch Erwartungen an die Kirche, erwartet vielleicht gewisse Veränderungen – und nichts tut sich. Oftmals wird man auf die „offiziellen Lehraussagen“ oder bei administrativen Fragen auf die Statuten der Kirche verwiesen und zu guter Letzt wird manches mal an die „treue Nachfolge“ appelliert.

Aber steht denn eine kritische Haltung zur Kirche, oder gar eine kritische Auseinandersetzung mit den Lehraussagen im generellen Widerspruch zum Evangelium Jesu?

Jesus war auch als Sohn Gottes zunächst einmal Jude. Viele haben ihn zu seiner Zeit als „Rabbi“ angesprochen, als einen Lehrer im jüdischen Glauben. Der Evangelist Matthäus (der ja selbst derjenige Evangelist war, der am stärksten aus der Sicht des jüdischen Glaubens berichtet) zitiert Jesus mit den Worten: „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.“ (Matth. 5, 17). Daraus können wir schließen, dass Jesus sich sehr wohl als Teil des jüdischen Volkes gesehen hat und damit im jüdischen Glauben, im Gesetz, verwurzelt war.

Aber hat er sich deshalb davon abhalten lassen, die Geistlichen seiner Zeit, „seine Kirche“ für manches zu kritisieren? Ganz im Gegenteil: Er hat die kritische, offene und ehrliche Auseinandersetzung, das Streitgespräch und eine klare Sprache immer gesucht. Das kann man an ein paar markanten Beispielen leicht erkennen.

Der Sabbat war und ist dem jüdischen Volk heilig. Jesus wurde es zum Vorwurf gemacht, dass er am Sabbat heilte. Der Evangelist Lukas berichtet darüber, was Jesus auf den Vorwurf des Vorstehers einer Synagoge geantwortet hat: „Ihr Heuchler! Bindet nicht jeder von euch am Sabbat seinen Ochsen oder Esel von der Krippe los und führt ihn zur Tränke?“ (Lukas 13, Vers 15). Er stritt also mit dem Vorsteher um die Auslegung und Tragweite des Gebots „Du sollst den Feiertag heiligen“!

Nikodemus, ein Zeitgenosse Jesu, war ein Pharisäer und damit genau mit den Lehraussagen des jüdischen Glaubens vertraut. In einem nächtlichen Gespräch (übrigens etwas damals am späten Abend durchaus übliches und nicht notwendigerweise heimliches, wie es ihm manchmal unterstellt wird) sagte Jesus zu ihm: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ Eine im Grunde radikale (neue) Aussage, denn die Juden glaubten durch die Erfüllung des Gesetzes vor Gott gerechtfertigt sein zu können. Er stritt also mit dem Pharisäer um Glaubensgrundlagen, die das damalige Verständnis über das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen erschüttert haben.

Jesus wurde in die Verurteilung einer Frau bewusst hineingezogen, die man des Ehebruchs überführt hatte. Die Schriftgelehrten und die Pharisäer fragen ihn herausfordernd: „Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. Mose hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?“ (Joh. 8, Verse 4 und 5). Das Gesetz Mose war in seiner Konsequenz klar, und dennoch hat Jesus diesen Disput und inhaltlichen Streit mit den Geistlichen seiner Zeit nicht gescheut und seine (neue) Haltung durch das Gebot der Liebe und die Sündhaftigkeit aller Menschen unmissverständlich klargemacht.

Das hat sich auch dem Opfertod Jesu und seiner Auferstehung in der noch jungen christlichen Kirche fortgesetzt. In nahezu jedem Brief des Apostels Paulus ist zu lesen, dass es in den urchristlichen Gemeinden unterschiedliche Lehrauffassungen und Grundhaltungen gab, mit denen sich die Gläubigen und die Apostel auseinandersetzen mussten und dass diese die damit verbundene Herausforderung auch angenommen haben. Am deutlichsten wird das im Galaterbrief, in der Paulus eine heftige Auseinandersetzung zwischen ihm und Petrus (Kephas) beschreibt: „Als aber Kephas nach Antiochia kam, widerstand ich ihm ins Angesicht, denn er hatte sich ins Unrecht gesetzt. Denn bevor einige von Jakobus kamen, aß er mit den Heiden; als sie aber kamen, zog er sich zurück und sonderte sich ab, weil er die aus der Beschneidung fürchtete. Und mit ihm heuchelten auch die andern Juden, sodass selbst Barnabas verführt wurde, mit ihnen zu heucheln. Als ich aber sah, dass sie nicht richtig handelten nach der Wahrheit des Evangeliums, sprach ich zu Kephas öffentlich vor allen: Wenn du, der du ein Jude bist, heidnisch lebst und nicht jüdisch, warum zwingst du dann die Heiden, jüdisch zu leben?“. Es wurde also heftig um das Zusammenleben in den Gemeinden nach dem Evangelium Jesu Christi gestritten!

Damals der Streit um die gültigen (Speise-)Gesetze für die Gläubigen! Wie führte Stammapostel Schneider kürzlich sinngemäß an: Die Christen der Urkirche hatten so viele Konflikte durch die riesigen kulturellen Unterschiede von Heiden und Juden auszuhalten – und da sollten wir es heute nicht schaffen in unserer aufgeklärten Zeit manche Unterschiede zu überbrücken?

  • Heterosexuelle müssen Homosexuelle als gleichberechtige Christen verstehen lernen, mit allen Rechten und allen Pflichten – mancherorts immer noch ein Streitthema

  • Männer müssen Frauen als vollkommen gleichberechtigt anerkennen, nicht nur was die Lehrtätigkeiten anbetrifft, sondern allumfassend für alle Aufgaben und alle Ämter – auch damit tut die Kirche sich immer noch schwer

  • Hautfarbe, Herkunft, Orientierungen aller Art dürfen keine Rolle mehr spielen, solange jeder die Kernaussagen des unverrückbaren Evangeliums ohne Abstriche vertritt – in den online-Medien sieht man, dass auch das nicht jedem leichtfällt

Jesus sagte von sich selbst: „Ich bin das Licht der Welt.“ (Joh. 8, Vers 12). Doch dann sagte er auch zu seinen Jüngern: „Ihr seid das Licht der Welt.“ (Matth. 5, Vers 14). Damit wird klar: Es geht darum, das Licht des Evangeliums weiter zu tragen, gerade auch in unserer heutigen Zeit und mit derselben Offenheit für notwendige Veränderungen wie das Jesus selber vorgelebt hat.

Treue Nachfolge und Kritik an der Kirche – ist das also ein Widerspruch?

Ganz im Gegenteil: Mängel in der heutigen Kirche anzusprechen – sowohl was die administrativen Dinge als auch die Lehraussagen betrifft - ist weder „Nestbeschmutzung“ noch „unnötig“; Nein es ist sogar unverzichtbar, um an das Ziel des Glaubens - nämlich Jesus Christus ähnlich ja gleich zu werden – zu gelangen. Denn Anspruch und Realität der Kirche lagen nicht nur in der Urkirche hier und da manches Mal weit auseinander, sondern gleichermaßen auch heute. Dazu braucht es offene Kommunikation auf Augenhöhe mit den Gläubigen und die Fähigkeit Konflikte anzusprechen und zu lösen. Beides Lernfelder – für Gläubige wie Kirche gleichermaßen. Jesus hat es uns doch in den oben zitierten Begegnungen und Streitgesprächen vorgelebt und selbst praktiziert – er hat die Gläubigen seiner Zeit an der Diskussion über Glaubensgrundsätze und Glaubensinhalte beteiligt! 

Autor: Thomas Schmidt