Zum Thema

  •  Zum Öffnen des Textes ist jeweils das Pluszeichen anzuklicken

“Treue Nachfolge” und “Kritik an der Kirche“ – ein Widerspruch?

Wem ist es nicht schon so ergangen: Man hat gewisse Erlebnisse im Glaubensleben und auch Erwartungen an die Kirche, erwartet vielleicht gewisse Veränderungen – und nichts tut sich. Oftmals wird man auf die „offiziellen Lehraussagen“ oder bei administrativen Fragen auf die Statuten der Kirche verwiesen und zu guter Letzt wird manches mal an die „treue Nachfolge“ appelliert.

Aber steht denn eine kritische Haltung zur Kirche, oder gar eine kritische Auseinandersetzung mit den Lehraussagen im generellen Widerspruch zum Evangelium Jesu?

Created with Sketch.

Jesus war auch als Sohn Gottes zunächst einmal Jude. Viele haben ihn zu seiner Zeit als „Rabbi“ angesprochen, als einen Lehrer im jüdischen Glauben. Der Evangelist Matthäus (der ja selbst derjenige Evangelist war, der am stärksten aus der Sicht des jüdischen Glaubens berichtet) zitiert Jesus mit den Worten: „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.“ (Matth. 5, 17). Daraus können wir schließen, dass Jesus sich sehr wohl als Teil des jüdischen Volkes gesehen hat und damit im jüdischen Glauben, im Gesetz, verwurzelt war.

Aber hat er sich deshalb davon abhalten lassen, die Geistlichen seiner Zeit, „seine Kirche“ für manches zu kritisieren? Ganz im Gegenteil: Er hat die kritische, offene und ehrliche Auseinandersetzung, das Streitgespräch und eine klare Sprache immer gesucht. Das kann man an ein paar markanten Beispielen leicht erkennen.

Der Sabbat war und ist dem jüdischen Volk heilig. Jesus wurde es zum Vorwurf gemacht, dass er am Sabbat heilte. Der Evangelist Lukas berichtet darüber, was Jesus auf den Vorwurf des Vorstehers einer Synagoge geantwortet hat: „Ihr Heuchler! Bindet nicht jeder von euch am Sabbat seinen Ochsen oder Esel von der Krippe los und führt ihn zur Tränke?“ (Lukas 13, Vers 15). Er stritt also mit dem Vorsteher um die Auslegung und Tragweite des Gebots „Du sollst den Feiertag heiligen“!

Nikodemus, ein Zeitgenosse Jesu, war ein Pharisäer und damit genau mit den Lehraussagen des jüdischen Glaubens vertraut. In einem nächtlichen Gespräch (übrigens etwas damals am späten Abend durchaus übliches und nicht notwendigerweise heimliches, wie es ihm manchmal unterstellt wird) sagte Jesus zu ihm: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ Eine im Grunde radikale (neue) Aussage, denn die Juden glaubten durch die Erfüllung des Gesetzes vor Gott gerechtfertigt sein zu können. Er stritt also mit dem Pharisäer um Glaubensgrundlagen, die das damalige Verständnis über das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen erschüttert haben.

Jesus wurde in die Verurteilung einer Frau bewusst hineingezogen, die man des Ehebruchs überführt hatte. Die Schriftgelehrten und die Pharisäer fragen ihn herausfordernd: „Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. Mose hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?“ (Joh. 8, Verse 4 und 5). Das Gesetz Mose war in seiner Konsequenz klar, und dennoch hat Jesus diesen Disput und inhaltlichen Streit mit den Geistlichen seiner Zeit nicht gescheut und seine (neue) Haltung durch das Gebot der Liebe und die Sündhaftigkeit aller Menschen unmissverständlich klargemacht.

Das hat sich auch dem Opfertod Jesu und seiner Auferstehung in der noch jungen christlichen Kirche fortgesetzt. In nahezu jedem Brief des Apostels Paulus ist zu lesen, dass es in den urchristlichen Gemeinden unterschiedliche Lehrauffassungen und Grundhaltungen gab, mit denen sich die Gläubigen und die Apostel auseinandersetzen mussten und dass diese die damit verbundene Herausforderung auch angenommen haben. Am deutlichsten wird das im Galaterbrief, in der Paulus eine heftige Auseinandersetzung zwischen ihm und Petrus (Kephas) beschreibt: „Als aber Kephas nach Antiochia kam, widerstand ich ihm ins Angesicht, denn er hatte sich ins Unrecht gesetzt. Denn bevor einige von Jakobus kamen, aß er mit den Heiden; als sie aber kamen, zog er sich zurück und sonderte sich ab, weil er die aus der Beschneidung fürchtete. Und mit ihm heuchelten auch die andern Juden, sodass selbst Barnabas verführt wurde, mit ihnen zu heucheln. Als ich aber sah, dass sie nicht richtig handelten nach der Wahrheit des Evangeliums, sprach ich zu Kephas öffentlich vor allen: Wenn du, der du ein Jude bist, heidnisch lebst und nicht jüdisch, warum zwingst du dann die Heiden, jüdisch zu leben?“. Es wurde also heftig um das Zusammenleben in den Gemeinden nach dem Evangelium Jesu Christi gestritten!

Damals der Streit um die gültigen (Speise-)Gesetze für die Gläubigen! Wie führte Stammapostel Schneider kürzlich sinngemäß an: Die Christen der Urkirche hatten so viele Konflikte durch die riesigen kulturellen Unterschiede von Heiden und Juden auszuhalten – und da sollten wir es heute nicht schaffen in unserer aufgeklärten Zeit manche Unterschiede zu überbrücken?

  • Heterosexuelle müssen Homosexuelle als gleichberechtige Christen verstehen lernen, mit allen Rechten und allen Pflichten – mancherorts immer noch ein Streitthema

  • Männer müssen Frauen als vollkommen gleichberechtigt anerkennen, nicht nur was die Lehrtätigkeiten anbetrifft, sondern allumfassend für alle Aufgaben und alle Ämter – auch damit tut die Kirche sich immer noch schwer

  • Hautfarbe, Herkunft, Orientierungen aller Art dürfen keine Rolle mehr spielen, solange jeder die Kernaussagen des unverrückbaren Evangeliums ohne Abstriche vertritt – in den online-Medien sieht man, dass auch das nicht jedem leichtfällt

Jesus sagte von sich selbst: „Ich bin das Licht der Welt.“ (Joh. 8, Vers 12). Doch dann sagte er auch zu seinen Jüngern: „Ihr seid das Licht der Welt.“ (Matth. 5, Vers 14). Damit wird klar: Es geht darum, das Licht des Evangeliums weiter zu tragen, gerade auch in unserer heutigen Zeit und mit derselben Offenheit für notwendige Veränderungen wie das Jesus selber vorgelebt hat.

Treue Nachfolge und Kritik an der Kirche – ist das also ein Widerspruch?

Ganz im Gegenteil: Mängel in der heutigen Kirche anzusprechen – sowohl was die administrativen Dinge als auch die Lehraussagen betrifft - ist weder „Nestbeschmutzung“ noch „unnötig“; Nein es ist sogar unverzichtbar, um an das Ziel des Glaubens - nämlich Jesus Christus ähnlich ja gleich zu werden – zu gelangen. Denn Anspruch und Realität der Kirche lagen nicht nur in der Urkirche hier und da manches Mal weit auseinander, sondern gleichermaßen auch heute. Dazu braucht es offene Kommunikation auf Augenhöhe mit den Gläubigen und die Fähigkeit Konflikte anzusprechen und zu lösen. Beides Lernfelder – für Gläubige wie Kirche gleichermaßen. Jesus hat es uns doch in den oben zitierten Begegnungen und Streitgesprächen vorgelebt und selbst praktiziert – er hat die Gläubigen seiner Zeit an der Diskussion über Glaubensgrundsätze und Glaubensinhalte beteiligt! 

Autor: Thomas Schmidt


Der Versuch “GOTT den Allmächtigen” zu begreifen – das „Gottesbild“ der Menschen

Zu den Diskussionen über „Frauen im Amt?“ lässt sich die Kirche berechtigter Weise in erster Linie von der Frage leiten, was die Heilige Schrift dazu sagt: Sie ist die Grundlage unserer Glaubenslehre, und hier in erster Linie das Evangelium Jesu Christi (die vier Evangelien) und das Neue Testament. Dann stellt sich aber in der Folge auch die Frage: Was ist GOTT (und sein Wille), und was ist dagegen dem Gottesbild der Menschen zuzurechnen – eine zugegeben sehr schwierige Fragestellung. Dieser Thematik möchten wir uns im nachfolgenden Artikel etwas annähern.

Created with Sketch.

Als Kind habe ich mich oft gefragt: „Wer hat eigentlich das aufgeschrieben was uns die Bibel in der Schöpfungsgeschichte berichtet – wer war denn dabei und konnte davon erzählen, wie der liebe GOTT die Erde, die Tiere und Pflanzen und schlussendlich uns Menschen geschaffen hat?“

Das Glaubensbekenntnis fasst zusammen, was wir dazu als Christen glauben. Der erste Glaubensartikel sagt in einem Satz: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.“

Im alten Testament kannte man nur diesen einen schöpfenden und allmächtigen GOTT, den GOTT Abrahams, der sich in allen drei monotheistischen Religionen (Judentum, Christentum und auch im Islam) wiederfindet.

Manches Mal hört man in Gottesdiensten und in Gesprächen unter Gläubigen Sätze wie „Der liebe GOTT ist so und so ...“ und dann beschreiben wir Menschen, wie GOTT denn sei, was er für Gedanken habe, wie er entscheide, was er für gut oder böse halte, welche Meinung er zu manchen Fragen habe; und viele Aussagen mehr, zu manchen anderen Themen.

Aber ist GOTT tatsächlich so – oder ist das im eigentlichen Sinn nur das Bild, das wir Menschen von GOTT haben, unser „Gottesbild“?

Viele Aussagen über den allmächtigen GOTT im Alten Testament zeugen davon, wie die jeweiligen Menschen in ihrer Zeit sich diesen GOTT vorgestellt haben, wie sie seine Offenbarungen (z.B. der Propheten) gedeutet haben, wie sie seine Allmacht versucht haben zu begreifen und in Worte zu fassen – sie haben sich ein „Gottesbild“ gemacht und versucht, IHN zu erklären: Ein „gerechter“ GOTT, ein „strafender“ GOTT, ein „versöhnender“ GOTT oder ein „schützender“ GOTT und noch viele andere Eigenschaften mehr wurden und werden IHM zugeschrieben. Es war und ist noch heute der Versuch der Menschen in ihrer jeweiligen Zeit, in ihrer jeweiligen Kultur und Lebenswirklichkeit, diesen allmächtigen GOTT zu erfassen und zu beschreiben.

Als der Sohn Gottes in Jesus Christus auf diese Erde kam, hat er uns Menschen ein „neues Gesicht GOTTES“ gezeigt – ER hat GOTT ein menschliches Gesicht gegeben, erfüllt von Liebe, Gnade und Barmherzigkeit.

Hat denn dieser allmächtige ewige GOTT damit auch „menschliche Züge“? Jesus führte einmal mit einer Frau ein sehr interessantes Gespräch über den Glauben an GOTT – bekannt als das Gespräch mit der Frau am Jakobsbrunnen (nachzulesen in Johannesevangelium Kapitel 4). In diesem Gespräch finden wir eine sehr interessante Aussage von Jesus, nachdem die Frau aus Samarien ihn auf die unterschiedlichen Glaubensauffassungen der Juden (GOTT muss im Tempel angebetet werden) und der Menschen aus Samarien (GOTT soll auf den Bergen angebetet werden) angesprochen hatte. Jesus entgegnete darauf, dass eine Zeit kommt, wo das alles keine Bedeutung und Gültigkeit mehr haben würde:


„Aber es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn auch der Vater will solche Anbeter haben. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ (Joh. 4, Verse 4 bis 6). 

Was zeigt Jesus damit auf, und was können wir heute aus diesen Aussagen von Jesus über das Wesen von GOTT lernen?


  • GOTT ist viel höher als alles was wir Menschen uns über IHN vorstellen können, und er ist mit dem Verstand gar nicht erfassbar
  • GOTT ist Geist
  • GOTT ist mit unseren menschlichen und kulturell geprägten Wertevorstellungen nur unzulänglich zu beschreiben


Um dazu ein Beispiel zu nennen und es daran zu verdeutlichen: Mose empfing für das Volk Israel auf dem Sinai die Gesetze und damit schloss GOTT einen Bund mit seinem Volk. Durch Mose verkündete GOTT dem Volk wie die Stiftshütte zu bauen sei, der Altar, die Bundeslade, wie die Gewänder der Priester zu gestalten waren - und danach führte er unter anderem Riten ein zu den vielen verschiedenen Opfern die GOTT dargebracht werden sollten. Da lesen wir von vielen Opferschlachtungen, wie das Blut der Tiere auf die Altäre zu verteilen ist und sogar, wie die Gewänder der Priester mit Blut besprengt werden sollten.

Ich möchte aus heutiger Glaubenssicht sagen: Mose hatte ein „Gottesbild“ und so wie er GOTT und seine Eingebungen (als Kind seiner Zeit als Prophet) verstand hat er dem Volk verkündigt, wie dieser GOTT verehrt werden sollte: Dieser GOTT sollte mit den damaligen Opfern geehrt werden – gemäß seinem Gottesbild, das er von dem allmächtigen GOTT damals hatte. Niemand würde das heute genauso wiederholen. GOTT ist derselbe und „wandelt sich nicht“ – was sich aber wandelt ist unser Gottesbild.

Jesus Christus – Gottes Sohn

Evangelist Johannes schreibt in seinem Evangelium: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei GOTT, und GOTT war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei GOTT. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.“ (Johannes 1, Verse 1 – 3).

Damit stellt er den Bezug zur Schöpfung her.

Er schreibt aber auch weiter in seinem Prolog: „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ (Johannes 1, Vers 14).

Mit diesen Worten zeigt er uns den Sohn Gottes in Jesus Christus, der uns die Herrlichkeit GOTTES offenbart, eine Herrlichkeit geprägt durch Gnade (neues Gottesbild) statt durch Recht und Gesetz (Gottesbild im Alten Testament).

Fazit: Was sagt uns denn das für heute?

Es ist zu unterscheiden zwischen unserem (aus der Kultur geprägten) Gottesbild und dem, was GOTT  ist: Aus Sicht unseres Glaubens ist er der allmächtige GOTT und Schöpfer von Himmel und Erde; ein GOTT, der mit unserem kleinen menschlichen Verstand nur sehr begrenzt und unzulänglich fassbar ist.

Und wenn wir uns mit Fragen beschäftigen, die in der heutigen Zeit auch besonders in den Kirchen in Bezug auf ihre Weiterentwicklung diskutiert werden (zum Beispiel der Frage: „Frauen im Amt“), dann sollten wir diese Fragen nicht vermischen mit dem Willen GOTTES – denn was wissen wir vom Willen Gottes? Ist es IHM tatsächlich wichtig, wie ein kirchlicher Ritus aussieht? Oder ob wir Menschen manche Regelungen aus einer kulturellen Prägung heraus einführen oder nicht? Wie sagte Jesus so treffend:

»Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt« (vgl. 5. Mose 6, Vers 5). Dies ist das höchste und erste Gebot. Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (vgl. 3. Mose 19, Vers 18). In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ (Matthäus 22, Verse 37 bis 40).

Er fokussiert damit eindeutig auf das einzig wesentliche. 

Und hier und heute in der Adventszeit 2020 erinnern wir uns wieder dankbar daran, wie dieser Jesus Christus als Sohn Gottes auf diese Erde kam und uns Menschen ein neues Bild von GOTT vermittelt hat.

Eine kleine Bemerkung zum Schluss: All das sind auch wieder nur Gedanken aus einem Gottesbild heraus – nämlich meinem Gottesbild heute im Jahr 2020 .



Autor: Thomas Schmidt